Es ist dieser großartige Artikel mit dem Titel „Kriegstüchtig“ von Ingo Schulze, der mich schon wieder darüber nachdenken lässt, ob ich kriegstüchtig bin oder sein will. Mehr noch als die Frage ob stellt sich für mich die Frage: Wofür eigentlich? Für mein Land? Für diesen Staat?
Für einen Staat, der sich einen angeblichen Sozialstaat angeblich nicht mehr leisten will? Einen Staat, der es zulässt, dass mittlerweile über eine Million Menschen keine Wohnung haben? Der Frauen immer noch kriminalisiert, nur weil sie über ihren Körper bestimmen wollen? In dem es asozial ist, soviel für Sozialabgaben und Krankenversicherung zu bezahlen, dass am Ende nicht genug zum Leben bleibt, aber es nicht Asozial ist Milliardengewinne nicht zu versteuern? Der seine Bürger nahezu vollständig überwachen lassen will – auch durch oder gerade von Unternehmen, die mit Faschisten zusammenarbeiten? Der Gesetze im großen Stil von Lobby-Verbänden ausarbeiten lässt, als im Sinne des Volkes zu handeln. Der einen völkerrechtswidrigen Angriff als rechtlich komplex einordnet? Der Schutzsuchende im großen Stil abschieben will? Der Journalisten drangsaliert und unliebsame Meinungen gar nicht erst zulässt? Der die Zukunft seiner Bürger gegen den Profit ausgedienter Fossilien eintauscht? Der es Superreichen ermöglicht, auf Kosten aller ihren Reichtum zu vererben?
Für ein Land, in dem man das Gefühl hat, dass jeder noch so kleine soziale Fortschritt jederzeit zur Disposition steht. Ein Land, das bereit ist, alles dem wahnsinnigen Mantra des Wachstums zu opfern. Ein Land, das für die beiden größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte maßgeblich verantwortlich ist – und dennoch zulässt, dass sich die zugrunde liegende Ideologie ungehindert ausbreitet, bis hinein in die Parlamente.
Ich könnte ewig so weiter machen, aber ich denke, man erkennt, worauf ich hinauswill. Auch wenn ich gelegentlich Land, Staat, Regierung oder Bevölkerung gleichsetze. Aber die Reichweite meiner Beiträge ist überschaubar, also kann ich mir diese Ungenauigkeit erlauben.
Nein, ich bin nicht kriegstüchtig – und ich will es auch nicht werden. Ich möchte kriegsuntüchtig sein. Nicht in der Lage, auch nur im Traum auf Befehl eine Waffe auf einen anderen Menschen abzufeuern. Angewidert von dem Gedanken, in einem Kontrollraum eine Drohne zu steuern und damit zu töten wie in einem Videospiel. Von Selbsthass zerfressen werden, sollte ich den Schicksalsfaden eines anderen Menschen und das seiner Nächsten durchtrennen. Das Leben und seinen Erhalt in jedem Fall über den Tod stellen.
Und falls nun die Möchtegern-Patrioten meinen, ich sei undankbar, weil dieser Staat ja doch einiges für seine Bürger tue, dann sage ich: In einer Demokratie ist es die Aufgabe des Staates, für seine Bürger da zu sein – denn diese sind der Souverän. Und unter diesem Gesichtspunkt tut dieser Staat viel zu wenig für die meisten.
Und falls die Ewiggestrigen glauben, mir die Familie als Argument entgegenhalten zu können, die ich doch zu schützen hätte, dann erwidere ich: Meine Familie schütze ich nicht, indem ich tot in einem Schützengraben liege, sondern indem ich bei ihr bin. Indem ich sie auf ihrem Weg begleiten kann. Zur Not auch weg – dorthin, wo es weitergehen kann.
Und zu guter Letzt gibt es die Pseudo-Demokraten, die dieses Land für einen Hort der Freiheit und Gleichheit halten. Diese bitte ich, den Beitrag noch einmal von vorn zu lesen.